out of rudolfsheim

das tief „rudolfsheim“ hat sich über meine kleine gasse gelegt und liefert seit nun drei tagen schnee en masse, dem wir beim besten willen und auch nicht mit vereinten kräften herr werden könnten…das sonderbare daran ist ja, dass rings um unsere kleine gasse allerorten also 30 grad vom celsius brüten, bloß dieser enge gassenschlauch erlebt hochwinter….der hausmeister möchte morgen eine kleine, improvisierte weihnachtsfeier organisieren, was ich durchaus unterstütze…die italienerin, welche unter mir wohnt, wird ein paar milanesische volkslieder zum besten geben, ich werde, so man an mich herantritt seitens der hausgemeinschaft, wohl ein gedicht beisteuern…mal sehen….die kinder gucken mit großen augen in die kalte schneepracht, während sie taucherbrillen tragen…

neuere entwicklungen…man kann ja noch so sehr in diversen, zeitintensiven vorbereitungen sich verstricken, jammert mein hausmeister, bevor pralle, glitzernde tränen seine vollen backen abwärts ziehen, die der pfeifende gassenwind auf der stelle in prächtige eiszapfen verwandelt…dieses also: signora stagioni will partout nicht singen, kein einziges lied wird der hausgemeinschaft und den übrigen gassenbewohnern zu gehör gebracht werden, da sie sich außer stande sieht -agnostikerin, die sie nun mal ist- das ave maria, welches der hausmeister in die liederliste ungefragt eingebaut hat, zum vortrag zu bringen, daraufhin stößt sie rüde das so mühsam zusammengehaltene, fragile programm um…lautlos legt sich schicht um schicht der weißen pracht über unsere winterlichen mühen und sorgen…

halfpipe…die einzigen, die tatsächlich keine veränderung unserer bedrohlichen und schier aussichtslosen lage herbeisehnen, sind die schulpflichtigen kinder, die auf eigens angefertigten tröten aus pappkarton die durch höhere gewalt verursachten schulfreien tage mit lautstarken ersatzvuvuzelas verstärken…wir haben hier hart durchgegriffen und den kindern diverse aufgaben zugeteilt, so dass man nun dieses enervierende getröte, gejohle und gekreische den lieben langen tag nicht mehr hören muss…die findigen kleinen haben an der nord- wie südseite unserer eingeschneiten gasse die schneemassen aufgetürmt…einer weiße halfpipe…

wir haben einen ersten ausfall zu beklagen…der verwegene und durchschlagskräftige herr maier von vis a vis wollte sich partout nicht mit unserer beklagenswerten situation anfreunden und kämpfte sich also alsbald durch die hohen verwehungen, darin er schlussendlich seinen letzten seufzer verlor…daraufhin streichen wir die anstehende weihnachtsfeier…ein seltsamer sonderling hat sich seit gestern an meine fersen geheftet…nach einigem hin und her finde ich heraus, dass er in früheren jahren ein durchaus bekanntes werbegesicht gewesen ist…so viel reime ich mir aus seinem gestammel, das er durch die schneekristalle gegen mich loslässt, zusammen, als er schließlich mir eine dünne heftmappe aushändigt, deren titelblatt folgenden schriftzug ziert: die meister proper files…und dann fällt es wie schuppen und alles ist wieder da: klaro, der kerl prägte die glatzköpfige figur des meister proper in den gleichnamigen werbespots! bestätigend lüftet er die haube und streicht mit den dicken fäustlingen über sein kahlgeschorenes haupt. Das also! Ebenfall erfahre ich, dass er in späteren, mageren jahren all diejenigen rollen annahm, die es ihm ermöglichten, mehr schlecht als recht zu leben. So war er unter anderem eine tragende nebenrolle (stallbursch) im siebzigerjahre softporno „die nichten der frau oberst“…peinlich berührt beschleunige ich meine schritte…

aggregatzustand…ohne vorwarnung ist uns in den frühen abendstunden die stromversorgung abhanden gekommen. Nichts klappt mehr. Konnten wir uns die letzten kalten tage trost und zuversicht bewahren, während wir unsere blicke zur matt strahlenden straßenbeleuchtung über unseren köpfen schickten, fehlt nun also auch dieses…eine krisensitzung tagt in permanenz…schließlich schleppt der hausmeister ein aggregat aus den tiefen des kellers in unsere mitte, welches den kostbaren strom für uns erzeugen soll…allgemeines luftanhalten und daumendrücken, als die ersten stotternden und krachenden zündungsversuche raum greifen…allein, das alte aggregat versagt den dienst und wie auf kommando rückt die frierende und mutlos gewordene schicksalsgemeinschaft enger zusammen…wir sehen vor uns eine stromlose, elektrizitätslose nacht…

ein wagemutiger wie kühner jungspund kämpft sich von der heißen, flirrenden außenwelt in unsere schneehölle durch….a tempo ist er lebensbedrohlich unterkühlt, da er lediglich ein t-shirt um seinen voluminösen leib trägt…frau schneider päppelt ihn auf, derweil wir atemlos seinem bericht lauschen, der uns ahnung und kunde vom leben da draußen gibt. wir hören von 34 grad celsius und dass bald sommerferien in das land ziehen sollen….himmel, wie lange sind wir schon in dieser kalten, unwirtlichen wetterhölle gefangen? man verliert den bezug zu tag und nacht…ja, ich könnte nicht einmal sagen, welch tag just heute sich zuträgt! wir sammeln sämtliche geräte ein, welche über akkumulatoren verfügen. Wer weiß schon, wie lange wir mit dem strom, der in den winzigen zellen gespeichert ist, haushalten werden müssen? signora stagioni scharwenzelt auffällig kichernd um meister proper herum, was einigen von uns doch sorgenfalten auf die eiskalten stirnen zaubert…mit amourösen verwicklungen können wir uns nun bei gott nicht auch noch herumschlagen!

ornithologie…verschiedene abordnungen wollen den dicken überläufer, der gestern so plötzlich in unserem eisland auftauchte, zum reden bringen, doch der füllige liefert beständig ein und dieselbe geschichte. er wäre unter dem aufmunternden gebrüll seiner gang auf den knorrigen kirschbaum geklettert, welcher im nahen park stünde, dann hätte er unglücklicherweise sich ausgerechnet den dünnsten ast erkoren, daran eifrig hochgeklettert und schließlich hätte sich der ächzende ast nordwärts geneigt und wäre mit lautem knall geborsten, wodurch der füllige gleichsam von einem kirschbaumkatapult beschleunigt in unsere stille, verwunschene schneelandschaft expediert worden wäre…

hatte noch jemand unter uns hoffnung, so ist diese nun erloschen! dr. nussstrudl, ornithologe und ein angesehener und geschätzter bewohner unserer gasse, bietet an, inventur zu machen. Ich lausche gespannt seinem wortschwall. er kramt aus einem dicken wintermantel weiße blätter hervor, welche einen ordentlichen eindruck machen. langer rede kurzer sinn: ich schicke ihn auf der stelle los!
wer weiß? kann ja nicht schaden!
im zentrum der gasse flackert ein kleines feuer, das die kinder aufmerksam beobachten. welch herrliche, unwirkliche ruhe! sie kreischen nicht und plärren nicht, pfeifen nicht und brüllen nicht, hingegen scharen sie sich um die von hunderttausenden beständig herabgleitenden schneeflocken bedrohte kleine feuerstelle, die eifrige männer und frauen sorgsam pflegen und nähren. Ich kann erkennen, wie ein buch um das andere rasch in den vereinzelten rot züngelnden flammen verschwindet.
fräulein weber, angestellte der nahen sebastians-apotheke, berichtet eben atemlos, dass der brockhaus ihrer eltern schon beinahe zur gänze sich in wärmendes feuer verwandelt hat. während ich ihren kalten atem spüre, wedelt sie mit dem schweren lederband, dessen goldverzierter rücken den schriftzug „ Sport-Stiefelette“ trägt, vor meiner kalten nasenspitze hin und her.
ich nicke ihr aufmunternd zu. sie strahlt über das ganze gesicht. ich spüre, dass man sich hier auf mich verlässt! alle blicken beständig in meine richtung, wollen ermuntert, angefeuert, bestärkt und aufgerichtet werden!

zahlenwerk…die hausgemeinschaften versammeln sich im kalten freien und harren der rede, die ich sogleich über die köpfe der mühselig und beladenen schicken werde. dr.nussstrudl steht blätterschwingend knapp bei mir und souffliert die von ihm akkurat erhobenen zahlen: lebendbestand-204 personen, zwei von nicht zuordenbarem geschlecht (laut eigener definition), eine person versagte zutritt und ergo erfassung in die halbamtliche liste vermittels nichtöffnen ihrer wohnungstüre…desweiteren 245 laib brot, 23 kg fleischwaren diverser provenienz, 244 liter softdrinks, 5 steigen mineralwasser, leitungswasser noch in ausreichendem maße vorhanden…der schmächtige ornithologe beendet seinen bericht und blickt mich treuherzig an, so dass ich nicht anders kann und ein ordentliches lob in erklecklicher lautstärke formuliere, damit es die umstehenden schicksalsgenossinnen und -genossen ebenfalls zu gehör bekommen, was dr.nussstrudl dazu bringt, verlegen kleine kreise in den frisch gefallenen schnee zu ziehen…
hierauf findet meine aufsehenerregende rede ihren beginn:“…

liebe schicksalsgenossinnen, liebe schicksalsgenossen! wie rau und hart hat uns der eisige würgegriff dieses so unerwarteten sommerwinters mit seinen kalten, toten händen umfangen! wie unsagbar entbehrungsreich und ohne zuversicht müssen wir in dieser windigen, eisigen gasse ausharren, während rings um uns, unseren blicken und ohren und herzen unbemerkt, das rege, emsige, bunte, wunderbare sommerleben tobt und jauchzt in vielerelei gestalt! habt mut, meine freundinnen und freunde, habt zuversicht, meine lieben, habt hoffnung!“
ich senke meinen umflorten blick, um die lauschende menge abzuschätzen und erkenne auf der stelle, dass ich den richtigen ton, die exakte melodie gefunden zu haben scheine, denn man ist mucksmäuschenstill und harrt der worte, die meine lippen sogleich verlassen werden…
„was hilft murren und klagen, liebe schicksalsgemeinschaft? was hilft stöhnen und fluchen? Ich aber sage euch: packen wir an! krempeln wir die ärmel hoch!“ (zwischenruf:“ he! da frieren mir ja die arme ab!“)
„…ich kenne eure sorgen, eure nöte! ich weiß um zerrissene familien und getrennte eheleute, um kinder ohne mütter und fahrräder ohne sattel, ich weiß um flaschen ohne inhalt und bäume ohne laub, und dennoch sage ich euch: fragt nicht, was diese gasse für EUCH tun kann, vielmehr fragt, was könnt IHR für diese gasse tun!“
(leiser handbeschuhter applaus)
„wir werden durchhalten, wir werden siegen, wir werden aus dieser prüfung gestärkt und gestählt hervorgehen!“
( handschuhapplaus)
„nun zu technischem: ein wertvolles mitglied unserer gemeinschaft hat mich darauf hingewiesen, dass wir von stund` an feuerwachen einzuteilen haben, damit unsere einzige aufwärmstation penibelst beobachtet wird. wir wollen hier keinen fehler machen! (höflicher applaus!) desweiteren treten folgende rationierungsmaßnahmen auf der stelle in kraft: 200 gramm brot pro person, 500 milliliter getränk, ein halbes päckchen zigaretten für raucherinnen und oder raucher! sämtliche noch im besitz der allgemeinheit sich befindlichen feuerzeuge oder ähnliches sind nach beendigung meiner ausführungen an herrn dr. nussstrudl, seines zeichens meine rechte hand und ausgestattet mit sondervollmachten, welche äußert biegsam und bewährt, auszuhändigen.
morgen früh also, mittwochs 7 uhr dreißig, wird dr.nussstrudl den ersten morgenappell seiner art vornehmen, ich bitte alle hier versammelten diesen termin zu memorieren und danke für ihre aufmerksamkeit!“
nach beendigung meiner so intensiven rede brandet heftiger, ungestümer applaus auf, in welchem ich mich zurecht wohl fühle.

mir träumt von seelmann-eggebert. der profunde kenner gekrönter häupter sitzt im ard-hauptstadtstudio und berichtet in gewohnt unaufgeregter und soignierter art und weise von meinem ritterschlag, den eben auszuführen die queen sich anschickt. ich beobachte das glitzernde, blitzende schwert, welches jetzt mein linkes schlüsselbein trifft und wundere mich sogleich über den heftigen schmerz, der mich heimsucht. was soll denn das? hört das denn gar nicht mehr auf? heftig und unwirsch rüttelt man mich, bis ich endlich meine augen öffne.
„chef, he, hallo, chef!“
ich gucke ein wenig belämmert über das szenarium, welches sich meinen schlaftrunkenen augen bietet.
richtig, ja, ich wollte doch mit gutem beispiel vorangehen! Ich könnte mich ohrfeigen! zu meiner ehrenrettung führe ich blitzschnell ins treffen, dass ja kein wecker weit und breit vorhanden gewesen, daher also erhebe ich mich mürrisch und leise fluchend.
„wir haben schon angefangen, chef!“, brüllt meister proper und deutet mit seiner rechten pranke auf eine große staubwolke, dahinter mein wandverbau (echte deutsche eiche, massiv) nach allen regeln der kunst zerlegt wird.
„das gibt brennholz für ne woche, wenigstens!“, stellt der abgetakelte werbestar brummend fest.
ich füge mich in mein schicksal und beobachte fräulein schneider, die in aberwitziger rasanz die laden und schränke und vitrinen leert. mein hab und gut wandert in unansehnliche pappkartons, die auf dem kalten holz des fußbodens stehen.
pause.
ich höre schweres schnaufen. feuerzeuge. bierflaschen. plötzlich steht das zierliche fräulein schneider neben mir.
„wo dr.nussstrudl wohl ist? Ich war der festen überzeugung, er wäre ebenfalls hier, bei ihnen!“
was will die unscheinbare denn bloß?
„wenn sie ihn sehen, heute noch, wären sie so nett…..“
die apothekerin druckst herum, verlagert verlegen ihr gewicht von einem bein auf das andere und weicht beständig meinen fragenden blicken aus.
„na, jetzt aber heraus damit, fräulein schneider! Ich treffe ja dr. nussstrudl in kürze, also, was wäre denn so wichtig, hm?“, komme ich ihr auf einschmeichelnde weise entgegen.
kleine, rote flecken zieren sogleich ihre zarten wangen. sie schwirrt davon und ist schon wieder dabei meine laden zu leeren.
da soll einer klug daraus werden! der unscheinbare, linkische, stotternde dr.nussstrudl scheint mehr als eindruck zu hinterlassen bei einigen unserer leidensgenossinnen und leidensgenossen!
mit strengem blick kontrolliere ich nun die abbrucharbeiten, gebe hie und da hilfreiche tipps und kommandos, die akkurat befolgt werden und nippe dankbar an dargereichten bierflaschen.

mit großer zufriedenheit registriere ich, dass sich die so hart geprüfte gemeinschaft mit tatkraft, geschick und entschlossenheit gegen die scheinbare auswegslosigkeit unserer lage stellt, was sich mir in vielerlei kleinen zeichen und maßnahmen verdeutlicht. so gibt es neuerdings einen botendienst, der, da ja weder funk noch post funktionieren, rasch und effektiv, geschriebene botschaften, meldungen, stell-dich-eins, bitten, beschwerden, bestellungen, ratschläge und einiges mehr sicher und korrekt befördert! In meiner linken brusttasche befindet sich just eine jener meldungen, welche mich nun dazu bringt, das schmale treppengeländer emporzuklettern, um zu einem gewissen herrn ingenieur krautwaschl zu gelangen, der inständig um ein treffen gebeten hat. der hausmeister begleitet mich und klagt in mein linkes ohr:“…diese bande! oh, ja, keine bange, wir finden die burschen schon!….“
was war geschehen?
nun, der vom himmel gefallene dicke junge hat es irgendwie geschafft, sein böses, verschlagenes genie gleichsam von draußen in unseren verschneiten kosmos zu befördern und hat also, nach ein paar tagen wohlverhaltens, nichts anderes zu tun gehabt, als das zu verwirklichen, was er offensichtlich am besten kann: er bildete eine gang, die in diesen eistagen, wie der hausmeister atemlos berichtet, nichts anderes zu tun hat, als angst und schrecken unter die leidgeplagten menschen zu bringen.
„…komplette tiefkühltruhen sind verschwunden! …aber das ist noch nicht alles….“
ich gucke zum major domus, der mit einer bunten speiseeis-verpackung vor meiner kalten nase wedelt. Ich lese „eis nach fürst pückler art. 10 stück“ sorge breitet sich in meinem inneren aus. als hätten wir hier nicht schon genug widrigkeiten, mit welchen wir hartnäckig zu kämpfen haben! jetzt muss also dieser fall von jugendkriminalität ganz oben auf die agenda! natürlich leuchtet mir das alles ein: jugend muss beschäftigt werden, ganz klar! Das haben wir jetzt davon!
„ …stellen sie sich bloß vor, die arme, alte frau sanders! Sie wurde rüde aus ihrem schlaf gerissen von diesen rabauken und musste ihre speisekammer öffnen. die bande benötigte lediglich, so meldete die arme frau, an die fünf minuten, bis die wohl gefüllte speisekammer geleert war!“
ich notiere im geiste, dass ich der leidgeprüften seniorin einen meiner beruhigungs-sowie erbauungsbesuche abstatten werde.
erstmal aber krautwaschl! seine nachricht liest sich mehr als mysteriös:“ definitiv weg nach draußen gefunden! stop! dringend! erbitte sofortigen besuch! stop! krautwaschl!“

©njr