Wie man erfolgreich und medienwirksam eine Nachfolgeregelung angeht, beweist gerade auf das eindrücklichste die Christlich Demokratische Union Deutschlands, die drei Bewerbern auf das Amt des Parteivorsitzes die großzügige Möglichkeit einräumt, in zahlreichen Vorstellungsrunden sich der Basis, den Mitgliedern und allen Interessierten zu präsentieren, um auf diese Weise den Kandidaten genügend Raum zu geben, Ideen und Visionen, Pläne und Positionierungen präzise vorzustellen.

In ähnlicher Form hat es solch eine Vorauswahl einmal auch in Wien gegeben anlässlich des Abgangs des Langzeitbürgermeisters Michael Häupl. Und siehe da, diese Art der Kandidatenfindung wurde von den Genossinnen und Genossen der Wiener SPÖ angenommen, mehr noch, sie bekamen ausreichend Gelegenheit, die Vorzüge respektive Schwächen der jeweiligen Kandidaten auf das Bürgermeisteramt im Verlauf mehrerer Vorstellungsrunden kennenzulernen.

Doch anscheinend hält man in der Österreichischen Sozialdemokratie dann doch nicht allzu viel von dieser Art der Kandidatenfindung, denn bald darauf stand eine weitere wenngleich auch wesentlich wichtigere Entscheidung an, die man schließlich bravourös in den Sand setzte.

Und wieder waren die üblichen Verdächtigen mit von der Partie, die schon lange Zeit emsig daran werken, die Erfolgs-Aussichten der SPÖ bei kommenden Wahlauseinandersetzungen mutwillig schrumpfen zu lassen.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde die bis dahin keinesfalls als politische Begabung aufgefallene ehemalige Gesundheitsministerin, Rendi-Wagner, ohne lästige innerparteiliche Fact-Finding-Mission auf den Schild gehoben, was einerseits der übergroße Wunsch des glücklos scheidenden Nicht-Politikers Christian Kern war und andererseits sogleich vom Kärntner Landeshauptmann euphorisch goutiert wurde, was peinlich daran erinnern mag, wie Herr Kaiser vor gar nicht allzu langer Zeit eben jenen Christian Kern gepusht und öffentlich der Partei anempfohlen hat.

Das Ergebnis ist ja bekannt. So kann man also durchaus festhalten, dass die SPÖ eben dabei ist, den gleichen Fehler mit Anlauf wieder zu begehen, sehenden Auges in das politische Unglück zu stolpern.

Was wäre denn daran so falsch, eine innerparteiliche Kür zu veranstalten, um einen geeigneten Kandidaten, eine geeignete Kandidatin zu finden? Wer könnte denn dagegen etwas einzuwenden haben? Der nahende Parteitag kann doch erneut verschoben werden, na wenn schon! Besser wäre es allemal, weiteren Kandidatinnen und Kandidaten die Chance einzuräumen, um sich bestmöglich zu präsentieren, wozu ja ein Parteitag zweifellos die ideale Bühne bieten könnte.

Doch das will man aus irgendwelchen abstrusen Gründen nicht zulassen, vielmehr scheint man ganz erpicht darauf, den sehnlichsten Wunsch des bis dahin wirkungsvollsten Abbaubeauftragten der einstmals staatstragenden Bewegung namens SPÖ, Christian Kern, in nacheilendem Gehorsam zu erfüllen und eben dessen proklamierte Nachfolgerin zu küren.

Und wiederum lobt und preist der Kärntner Landeshauptmann diese Entscheidung, und wiederum wird sich eines Tages herausstellen, dass er erneut falsch lag, dann allerdings wird es zu spät sein und der Stimmenverlust und der Bedeutungsverlust der ehemaligen Staatspartei wird sich fortgesetzt haben.

Die bisherigen öffentlichen Auftritte der neuen Parteichefin lassen keinen Zweifel offen, hier übt und probt eine Person Politik. Mal gelingt ihr das ganz passabel, meistens aber lässt sie wohldosierte Plattitüden vom Stapel, die allesamt derart gestaltet sind, dass sich nur ja keiner vor den Kopf gestoßen fühlen mag. Das allerdings ist weniger als wenig, das ist zu wenig.

Vor allem aber fehlt sie. Sie ist nicht präsent. Sie vernachlässigt permanent die öffentliche Bühne, die gerade für Oppositionspolitik eine der wenigen Möglichkeiten darstellt, sich Gehör und Respekt zu verschaffen, um Standing und Nachhaltigkeit zu erzeugen und zu etablieren.

Sie ist nicht da. Keiner weiß, wo sie ist. Ist sie einmal im Parlament, fällt sie durch nichtssagende Redebeiträge auf, gibt sich bei Wortmeldungen politischer Gegner sonderbar dünnhäutig, lächelt diese scheinbar irgendwie weg, schneidet Grimassen, wenn die Kamera ihr Gesicht einfängt oder gibt sich wie eine etwas aufmüpfige Absolventin einer Schule für Höhere Töchter.

Sie kann es nicht.

Die SPÖ präsentierte unlängst die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten für den Europawahlkampf. Alle waren da, bloß sie nicht. Diese Vorstellung der Kandidatinnen und Kandidaten der Oppositionspartei SPÖ für eine immens bedeutsame Wahlauseinandersetzung scheint der neuen Vorsitzenden nicht wichtig genug? Oder wie oder was?

Flugs werden gezielt Informationen gestreut, dass sie, also Rendi-Wagner, bis zum Parteitag die Öffentlichkeit quasi nicht suche, weil sie erst mit einem vom Parteitag ausgestellten Mandat, also mit einem satten Abstimmungsergebnis, mit einer gelungen Kür, sich endlich, endlich in die Öffentlichkeit begeben werde.

Alles Mumpitz, wie ihr „erfolgreicher“ Vorgänger wohl formulieren mag. Alles Mumpitz. Jeden Tag könnte sie sich profilieren zugunsten der SPÖ, zugunsten der Menschen in diesem Land, die sehnsüchtig darauf warten, dass die SPÖ endlich nachhaltige, scharfe, angriffige, kantig und positive Politik betreibt, doch daraus wird wohl nichts werden, und wenn man polemisch argumentieren möchte, wird man voraussagen können, dass auch im Zukunft nichts daraus werden wird.

Man überantwortet die Partei, die ehemals staatstragende Partei, die einstmals prägende Partei in die Hände einer Person, die gerade mal ein paar Monate Mitglied eben dieser Partei ist, die weder einen sozialdemokratischen Werdegang vorweisen kann, noch über langjährige politische Erfahrung verfügt.

Sie kann es nicht.

Sie kann das Handwerk nicht.

Da gibt es keinen Schnellkurs in Sachen Politik, den man so en passent absolvieren würde können, um rasch noch und rechtzeitig in die aktuelle Tagespolitik einsteigen zu können.

Was erwartet sich die SPÖ davon, diese zugegebenermaßen fachlich versierte Gesundheitsmanagerin in kommende Wahlauseinandersetzungen zu entsenden, gegen einen Kurz, gegen einen Strache? Wird sie in schickem Designerkostüm dann telegen durch Simmering oder Favoriten oder Fünfhaus stolzieren? Wird sie sich in Linz-Donawitz einen Arbeits-Helm aufsetzen, um vor dem Hochofen zu posieren? Was soll das alles?

Wird das schlussendlich wieder bloß eine verunglückte mediale Inszenierung, die politische Arbeit vortäuschen soll? Prinzessin 2.0? Vieles steht dafür, dass genau das nun geschehen wird. Denn maßgeblichen Entscheidern in der SPÖ scheint es noch immer eher darum zu gehen, fernsehtaugliche, fernsehgerechte Politikinszenierung liefern zu wollen als ehrliche, harte, grundsolide Basisarbeit, um politische Veränderungen zu erreichen. Inszenierung ist alles!

Sie kann es nicht.

Gibt es aktuelle, den Menschen unter den Nägeln brennende Probleme wie Migration, wie Kriminalität, wie Sicherheit, bezieht Rendi-Wagner einfach keine Stellung, ist einfach nicht da, spricht einfach nicht davon und darüber, so als wären dadurch diese Sorgen und Nöte der Menschen somit ebenfalls nicht da.

Und sie wird gewählt werden. Am Parteitag. Und viele werden es schon ahnen, hinter vorgehaltener Hand tuscheln oder still und leise darüber sinnieren, wie es passieren kann, dass eine einstmals große Partei so wirklich gar nichts aus der Ära Christian Kern zu lernen gewillt ist, ja, dass diese Partei exakt jenen Vertretern eines abgehobenen Establishments a la Kern, Drozda und Konsorten ausgeliefert bleibt, die Politik vorrangig als Selbstzweck betrachten, um eigenen Namen und Ruhm zu mehren, bloß das alltägliche harte politische Geschäft, das mag ihnen gestohlen bleiben! Dazu sind sie sich zu schade, irgendwie…

©njr, 2018

(bild:wikipedia)